New Work Mann: Wenn Freiheit auf männliche Sozialisation trifft
- Carlson El Murtadi; M.Sc.

- 10. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Warum Selbstorganisation, Sichtbarkeit und „Soft Skills“ für viele Männer nicht selbstverständlich sind und warum das kein individuelles Versagen ist:

New Work ist die große Erzählung unserer Zeit: Freiheit, Sinn, Flexibilität, Augenhöhe.
Die Arbeitswelt soll menschlicher werden und zugleich effizienter.
Für viele Männer klingt das zunächst nach Gewinn: weniger starre Regeln, mehr Handlungsspielraum, mehr Vertrauen.
Doch in der Praxis zeigt sich ein anderes Bild: Gerade Männer erleben New Work häufig nicht als Entlastung, sondern als neue Form von Druck.
Nicht, weil sie „gegen moderne Arbeit“ wären. Sondern weil New Work genau jene Fähigkeiten voraussetzt, die männliche Sozialisation über Jahrzehnte nur begrenzt gefördert hat: emotionale Selbstwahrnehmung, Grenzsetzung, Kommunikation, Konfliktfähigkeit, Umgang mit Unsicherheit.
Dieser Beitrag ist ein Bericht. Er beschreibt Muster nicht um zu klagen, sondern um zu verstehen.
Denn wer New Work gestalten will, muss begreifen, wie tief Arbeitsformen mit Identität und Sozialisation verwoben sind.
New Work ist nicht nur ein Arbeitsmodell es ist ein Identitätswechsel
In klassischen Arbeitswelten war Männlichkeit oft kompatibel mit Struktur:
klare Ziele
klare Hierarchien
klare Zuständigkeiten
klare Regeln
klare Leistungsmaßstäbe
Männliche Sozialisation hat genau das belohnt: Funktionieren, Leistung, Kontrolle. Wer liefert, ist wertvoll. Wer stabil bleibt, ist respektiert. Wer Probleme löst, gilt als kompetent.
New Work verschiebt diese Logik. Plötzlich zählt nicht nur Output, sondern auch:
Beziehungskompetenz
Feedbackfähigkeit
Selbstführung
Reflexion
Ambiguitätstoleranz
Kommunikation
Das wirkt modern ist aber psychologisch anspruchsvoll. Denn es fordert Männer auf, einen Teil ihrer Stabilität nicht mehr über Kontrolle zu erzeugen, sondern über Selbstkontakt und soziale Kompetenz. Und das ist für viele ungewohnt.
Männliche Sozialisation:
Was Männer gelernt haben und was nicht
Viele Männer sind nicht „emotionslos“. Sie sind oft emotionsarm sozialisiert.
Typische Botschaften, die Jungen früh lernen:
„Reiß dich zusammen.“
„Ein Mann weint nicht.“
„Mach keinen Stress.“
„Sei stark.“
„Lös das Problem.“
Diese Sätze formen ein inneres Betriebssystem: Gefühle werden nicht gelebt, sondern verwaltet. Verletzlichkeit wird nicht gezeigt, sondern übersetzt in Leistung, Humor oder Härte.
Das bedeutet nicht, dass Männer keine Empathie hätten.
Es bedeutet: Viele Männer haben weniger Übung darin, Gefühle als Information zu nutzen, statt als Störung zu sehen.
Und genau das wird in New Work plötzlich relevant nicht als „Privatthema“, sondern als
Arbeitskompetenz.
Das unterschätzte Problem: Selbstorganisation ist nicht nur ein Skill, sie ist Selbstführung
New Work spricht gern von Selbstorganisation. Das klingt nach Freiheit. In der Realität bedeutet es:
priorisieren ohne klare Vorgaben
Grenzen setzen ohne formale Regeln
Entscheidungen treffen ohne Absicherung
Unsicherheit aushalten ohne Kontrolle
sich selbst regulieren ohne äußeren Rahmen
F
ür Männer, deren Selbstwert stark an Leistung gekoppelt ist, wird Selbstorganisation dadurch schnell zur Selbstoptimierung:
„Wenn ich gestresst bin, ist das mein Fehler.“
„Wenn ich nicht fertig werde, bin ich nicht diszipliniert genug.“„Wenn ich nicht abschalten kann, habe ich mich schlecht organisiert.“
So wird ein strukturelles Problem (Arbeitslast, unklare Prozesse, diffuse Erwartungen) in eine persönliche Schwäche übersetzt.
Das ist ein Kernthema männlicher Sozialisation: Verantwortung wird internalisiert, bis sie zur Selbstüberforderung wird.
Der neue Druck heißt: Sichtbarkeit
In hybriden Teams entsteht ein leiser Wettbewerb um Präsenz:
schnelle Antworten im Chat
häufige Teilnahme in Meetings
sichtbare Aktivität
ständige Erreichbarkeit
Für viele Männer ist Sichtbarkeit eng mit Status und Anerkennung verbunden.
Wenn die Kontrolle über Präsenz wegfällt (Homeoffice, flexible Zeiten), entsteht Unsicherheit:
„Werde ich noch gesehen?“
„Bin ich relevant?“
„Wirkt es, als würde ich weniger arbeiten?“
Männliche Sozialisation reagiert auf Unsicherheit oft nicht mit Gespräch, sondern mit Handlung:
mehr Aktivität
mehr Verfügbarkeit
mehr Output
Das wirkt nach außen wie Engagement. Innen ist es häufig Stressmanagement.
„Soft Skills“ sind für viele Männer kein weicher Teil, sondern ein harter Lernprozess
New Work fordert mehr Beziehungskompetenz: Feedback geben, Konflikte ansprechen, Emotionen in Teams regulieren, Zusammenarbeit gestalten.
Für viele Männer ist das eine Herausforderung, weil sie gelernt haben:
Konflikte werden gewonnen oder vermieden
Emotionen sind privat
Nähe ist riskant
Kritik ist Angriff
Anerkennung kommt über Leistung
Wenn du so sozialisiert bist, ist „Feedback“ kein neutrales Tool, sondern ein Selbstwert-Thema.
Und „Konfliktgespräch“ ist kein Meeting, sondern ein Risiko für Status und Kontrolle.
Das ist der Grund, warum manche Männer in modernen Teams auffällig werden:
durch Härte
durch Abwehr
durch Sarkasmus
durch Rückzug
durch Dominanz
Nicht, weil sie schlechte Menschen sind, sondern weil das ihr vertrauter Schutzmodus ist.
Die unsichtbare Belastung: New Work macht Arbeit emotionaler
New Work wird oft als effizient dargestellt. In Wahrheit macht es Arbeit emotionaler:
mehr Selbstverantwortung
mehr Aushandlung
mehr Beziehung
weniger klare Regeln
mehr Unsicherheit
Für Männer, die sich über Stabilität definieren, kann das zu einer subtilen Daueranspannung führen: Man ist ständig gefordert – nicht nur fachlich, sondern als Person.
Und weil Männer häufig gelernt haben, Belastung nicht zu benennen, zeigt sich die Überforderung anders:
Gereiztheit
Ungeduld
Kontrolle
Perfektionismus
Rückzug
„Immer an“-Modus
Führung im New Work-Kontext: Der härteste Wechsel für Männer
Führung in New Work bedeutet weniger Kontrolle, mehr Rahmen.
Doch viele Männer haben Führung gelernt als:
Entscheiden
Kontrollieren
Durchsetzen
Verantwortung tragen
Wenn New Work nun verlangt:
Vertrauen statt Kontrolle
Coaching statt Ansage
Beziehung statt Distanz
Fehlerkultur statt PerfektionDann entsteht eine Identitätskrise, die selten offen diskutiert wird.
Die Folge kann sein:
Micromanagement im Digitalen
Meeting-Inflation als Kontrollersatz
Unklare Führung, weil man nicht „hart“ wirken will
oder harte Führung, weil man nicht „weich“ wirken will
Viele männliche Führungskräfte hängen genau zwischen diesen Polen – und erleben New Work als Spannungsfeld, nicht als Freiheit.
Was Organisationen daraus lernen sollten
Wenn New Work scheitert, liegt es selten am „Widerstand gegen Veränderung“. Es liegt oft daran, dass Organisationen eine Kultur erwarten, ohne die Sozialisation mitzudenken.
New Work MANN braucht:
klare Rollen und Prioritäten
psychologische Sicherheit
Grenzen, die akzeptiert werden
sichtbare Entlastung, nicht nur mehr Autonomie
eine Kultur, in der Belastung benannt werden darf, ohne Statusverlust
Gerade Männer profitieren davon, weil diese Strukturen nicht „weicher“ machen sondern stabiler.
Fazit: New Work fordert Männer dort heraus, wo Sozialisation Lücken lässt
New Work ist eine Chance. Aber es ist auch ein Stresstest: für Strukturen und für Identität.
Für viele Männer ist das zentrale Problem nicht „Flexibilität“.Das zentrale Problem ist, dass Freiheit plötzlich Fähigkeiten verlangt, die früher nicht nötig waren – oder nicht trainiert wurden:
Selbstführung
Grenzsetzung
Kommunikation
emotionale Klarheit
Umgang mit Unsicherheit
Wer New Work ernst nimmt, muss deshalb über Systeme sprechen und über Sozialisation.
Sonst wird moderne Arbeit zur Bühne für ein altes Muster:
funktionieren, bis es nicht mehr geht.
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