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ADHS bei Männern und transgenerationales Trauma: Wenn Unruhe eine Familiengeschichte hat

  • Autorenbild: Carlson El Murtadi; M.Sc.
    Carlson El Murtadi; M.Sc.
  • 5. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Viele Männer kommen erst spät an den Punkt, an dem sie sich fragen:


Warum ist mein Kopf so laut?


Nicht selten beginnt diese Frage im Alltag: im Job, im Familienleben, in der Partnerschaft. Es ist nicht die klassische „Unruhe“, die außen sichtbar ist sondern eine innere Rastlosigkeit. Gedankensprünge, Reizbarkeit, impulsive Entscheidungen, ein permanentes Gefühl von Druck oder Überforderung.


Einige Männer erhalten irgendwann die Diagnose ADHS.


Andere stoßen zufällig auf das Thema und erkennen sich wieder.


Und dann gibt es Fälle, in denen sich noch eine zweite Ebene zeigt:


  • eine Familiengeschichte, in der Belastung präsent war – aber kaum Worte dafür existierten.


Genau hier beginnt die Frage nach transgenerationalem Trauma, dem möglichen Weiterwirken unverarbeiteter Stress- und Traumaerfahrungen über Generationen hinweg.


ADHS bei Männern und transgenerationales Trauma: Wenn Unruhe Familiengeschichte hat
Wenn Unruhe eine Familiengeschichte hat...

Warum dieser Zusammenhang Männer besonders betrifft.


ADHS bei Männern und transgenerationales Trauma: Wenn Unruhe Familiengeschichte


Männer werden oft so sozialisiert, dass sie funktionieren sollen:


Belastbarkeit zeigen, Probleme lösen, nicht „zu emotional“ sein. Viele lernen früh, innere Zustände zu kontrollieren oder zu überspielen. Der Preis dafür ist, dass Stress sich nicht selten indirekt zeigt als Gereiztheit, Rückzug, Überarbeitung oder das Bedürfnis nach Kontrolle.


Wenn ADHS hinzukommt, verstärken sich diese Muster in manchen Biografien:


ADHS-Symptome können dazu führen, dass Männer häufiger negative Rückmeldungen erhalten (z. B. „zu chaotisch“, „zu impulsiv“, „zu unzuverlässig“). Das kann Selbstwert, Beziehungserleben und Stresssystem zusätzlich belasten. In diesem Spannungsfeld ist es plausibel, dass Männer eher spät Hilfe suchen oft erst dann, wenn ein System kippt, Beziehung, Beruf, Gesundheit oder Elternrolle.


ADHS bei Männern: Häufig anders sichtbar als im Klischee


ADHS wird klassisch über drei Symptomcluster beschrieben:

  • Unaufmerksamkeit

  • Hyperaktivität

  • Impulsivität


Bei Männern zeigt sich Hyperaktivität häufig nicht als „Zappeln“, sondern als innere Beschleunigung:


Gedanken „laufen“, Entscheidungen kommen schnell, Reize dringen ungefiltert ein.


Viele Männer berichten zudem über:


  • starkes Wechseln zwischen Prokrastination und Überfokus

  • emotionale Reizbarkeit, besonders unter Zeitdruck

  • Schwierigkeiten mit Routinen, Organisation und Priorisierung

  • Stress durch das Gefühl, „nicht hinterherzukommen“


Wichtig ist: ADHS ist keine Frage von Willensschwäche. Gleichzeitig ist die Diagnose kein Allzweck-Erklärmodell für jede Schwierigkeit. Genau hier wird die Differenzierung wichtig.


Trauma und ADHS: Warum sich Symptome ähneln können


Ein zentraler Punkt in der psychoedukativen Einordnung lautet:


Traumasymptome können ADHS-Symptomen ähnlich sein und umgekehrt.


Das betrifft vor allem:


1) Aufmerksamkeit und Konzentration

Stress und erhöhte Wachsamkeit („ständiges Scannen“) können Konzentration erschweren. Das kann äußerlich wie ADHS wirken, ohne dass ADHS vorliegt.


2) Unruhe und Aktivierung

Ein chronisch aktiviertes Stresssystem kann zu innerer Unruhe führen, die der ADHS-typischen Hyperaktivität ähnelt.


3) Impulsivität und emotionale Reaktionen

In belastenden Systemen reagieren Menschen oft schneller: mit Wut, Rückzug, Abwehr oder Vermeidung. Auch das kann wie Impulsivität erscheinen.


Das bedeutet nicht, dass ADHS „eigentlich immer Trauma“ sei.


Es bedeutet: Es gibt Überschneidungen. Und deshalb ist eine sorgfältige, professionelle Abklärung entscheidend besonders dann, wenn Symptome in bestimmten Kontexten (Beziehung, Autorität, Nähe/Distanz) auffällig stärker werden.


Was transgenerationales Trauma bedeutet ohne Dramatisierung


Transgenerationales Trauma beschreibt die Annahme, dass unverarbeitete traumatische oder chronisch belastende Erfahrungen einer Generation in der nächsten Generation sichtbar werden können nicht als identische Störung, sondern als:


  • Beziehungsmuster

  • Kommunikationsmuster

  • Stress- und Emotionsregulationsmuster

  • implizite Regeln („darüber redet man nicht“)

  • Grundspannung oder dauerhafte Wachsamkeit


Dabei geht es häufig um Kontexte wie Krieg, Flucht, Verlust, Gewalt, Sucht, emotionale Vernachlässigung oder langjährige Armut und Unsicherheit.


Entscheidend ist: In vielen Familien wird nicht darüber gesprochen. Belastung existiert dann als Atmosphäre, nicht als Geschichte.


Typisch ist auch: Der Nachkomme erlebt Gefühle, Spannungen oder Ängste, ohne den Ursprung zu kennen.


Es entsteht der Eindruck: „Ich reagiere zu stark aber ich weiß nicht, warum.“


Wie sich transgenerationale Belastung bei Männern zeigen kann


Männer berichten in diesem Kontext oft nicht zuerst über Angst oder Traurigkeit. Häufiger sprechen sie über:


  • Gereiztheit und kurze Zündschnur

  • „Abschalten“ in Konflikten

  • Distanz in Nähe-Situationen

  • starke Selbstkritik oder Scham („Ich reiche nicht“)

  • das Gefühl, ständig leisten zu müssen

  • Schwierigkeiten, sich zu entspannen

  • das Bedürfnis nach Kontrolle oder Rückzug

  • ein dauerhaftes „auf Spannung sein“


Diese Muster sind nicht automatisch ein Hinweis auf transgenerationales Trauma. Aber sie können ein Grund sein, die Familiengeschichte und die Art, wie in der Familie mit Emotionen, Konflikt und Stress umgegangen wurde, bewusst mitzudenken.


ADHS und transgenerationales Trauma:

Kein Entweder-oder


Eine seriöse Einordnung macht drei Dinge gleichzeitig:


  1. ADHS ist real und kann unabhängig von Trauma vorliegen.

  2. Trauma ist real und kann ADHS-ähnliche Symptome erzeugen.

  3. Beides kann zusammen auftreten – und sich gegenseitig verstärken.


In der Praxis kann das bedeuten: Ein Mann hat ADHS und zusätzlich eine Stressbiografie oder Familienmuster, die sein Nervensystem stärker aktivieren. Oder ein Mann hat primär stressbedingte Symptome, die fälschlich als ADHS interpretiert werden. Oder ADHS ist vorhanden und die Folgejahre (Konflikte, Kritik, Ausgrenzung) führen zu sekundären Belastungen.


Die Konsequenz ist nicht, alles „umzudeuten“, sondern konsequent differenziert zu schauen.


Orientierung: Wann eine transgenerationale Perspektive sinnvoll sein kann


Ohne Diagnosen zu stellen, können bestimmte Hinweise Anlass geben, genauer hinzuschauen:


  • Familiengeschichte mit Krieg, Flucht, Gewalt, massiven Verlusten

  • Tabus, Schweigen, „funktionieren müssen“ als zentrale Familienregel

  • wiederkehrende Muster von emotionaler Distanz oder explosiven Konflikten

  • starke Stressreaktionen in Nähe- oder Autoritätssituationen

  • auffällige Scham- und Schuldthemen („Ich bin falsch“)

  • das Gefühl, Verantwortung für Stimmungen anderer tragen zu müssen


Wichtig: Solche Hinweise sind keine Beweise. Aber sie sind Hinweise darauf, dass Kontextwissen hilfreich sein kann.


Was eine differenzierte Sicht Männern ermöglichen kann


Viele Männer empfinden es als entlastend, wenn Symptome nicht nur als persönliches Versagen verstanden werden, sondern als Ausdruck eines Systems: biologisch, psychologisch, sozial.

Transgenerationale Perspektiven können dabei zwei Dinge leisten:


  1. Sie schaffen Sprache für das, was vorher nur Druck war.

  2. Sie reduzieren Schuldzuweisung gegenüber sich selbst und gegenüber der Familie.


Der entscheidende Punkt bleibt jedoch:


Eine Familiengeschichte erklärt viel aber sie entbindet nicht von Verantwortung im Hier und Jetzt.


Gerade für Männer, die Partner, Väter oder Führungskräfte sind, ist das oft ein wichtiger Spagat:


Verständnis ohne Ausreden.


Fazit: Wenn Symptome mehr sind als ein Etikett


ADHS bei Männern ist häufig eine späte Erkenntnis.

Transgenerationales Trauma ist häufig ein spätes Verstehen.


Beides kann helfen, Muster zu erkennen:

Warum Stress so schnell steigt. Warum Nähe manchmal Druck macht. Warum Rückzug sich wie Sicherheit anfühlt. Warum man im Alltag gleichzeitig leistungsfähig und innerlich überfordert sein kann.


Eine verantwortungsvolle Perspektive lautet deshalb nicht:


„Alles ist Trauma“ oder „Alles ist ADHS“.


Sondern: Manchmal ist es beides. Manchmal ist es eins. Und fast immer lohnt sich ein genauer Blick auf Kontext, Geschichte und Stresssystem ohne zu vereinfachen.


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Hinweis: Aus rechtlichen Gründen weise ich darauf hin, dass bei den beschriebenen Therapieformen kein Heilversprechen gegeben werden kann.



 
 
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