Agitierte Depression & High Performance: Optimierungswahn als Risiko
- Carlson El Murtadi; M.Sc.

- 10. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Wenn Funktionieren zur männlichen Tarnkappe wird und das Nervensystem nicht mehr zur Ruhe kommt.

Es gibt Depressionen, die leise kommen.
Und es gibt Depressionen, die aussehen wie Erfolg.
Menschen, die betroffen sind, sitzen nicht zwangsläufig still im Dunkeln.
Sie stehen nicht immer auf der Bremse.
Manche stehen unter Strom. Sie laufen weiter, liefern weiter, führen weiter und verlieren sich dabei.
Diese Form wird häufig übersehen, weil sie nicht dem öffentlichen Bild von Depression entspricht. Sie wirkt nicht wie Antriebslosigkeit, sondern wie Anspannung.
Nicht wie Rückzug, sondern wie Getriebenheit. Nicht wie „ich kann nicht“, sondern wie „ich muss“.
Genau darin liegt das Risiko:
Agitierte Depression passt perfekt in High-Performance-Kulturen und bleibt deshalb oft unerkannt.
Agitierte Depression: Depression mit Motor
Agitierte Depression ist eine depressive Symptomatik, bei der nicht Verlangsamung im Vordergrund steht, sondern innere Unruhe, Rastlosigkeit, Nervosität und starke Anspannung. Betroffene fühlen sich häufig wie „getrieben“. Sie finden keine Ruhe, obwohl sie erschöpft sind.
Typisch ist eine paradoxe Mischung:
innerlich leer oder hoffnungslos
gleichzeitig körperlich überaktiviert
emotional reizbar
mental überlastet
ohne echten Zugang zur Erholung
Das macht diese Form so tückisch:
Sie kann von außen aussehen wie Energie.
Von innen ist sie oft Überforderung.
Warum Männer besonders häufig durch das Raster fallen
Depression wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit Traurigkeit gleichgesetzt. Viele Männer erleben depressive Zustände jedoch anders oder zeigen sie anders. Nicht unbedingt weil sie weniger fühlen, sondern weil sie Gefühle anders ausdrücken oder weniger gelernt haben, sie offen zu benennen.
Bei Männern stehen oft Symptome im Vordergrund, die sozial „anschlussfähig“ wirken:
Gereiztheit
Ungeduld
Wut oder Feindseligkeit
Rückzug in Arbeit, Aufgaben, Ablenkung
emotionales „Abschalten“
riskantes Verhalten oder Substanzkonsum als „Runterkommen“
Das Umfeld deutet diese Signale häufig als Stress oder Charakter:
„Er ist halt gerade unter Druck."
„Er ist eben hart.“
„Er ist ein Macher.“
Der Mann selbst deutet sie oft als Disziplin:
„Ich muss funktionieren.“
So wird eine gesundheitliche Veränderung zur Persönlichkeit erklärt.
High Performance ist nicht das Gegenteil von Depression
Viele Fach- und Führungskräfte leben in einer Logik, die hoch wirksam ist bis sie kippt:
Leistung schafft Stabilität.
Leistung schafft Anerkennung.
Leistung schafft Selbstwert.
In dieser Logik wird alles messbar:
Schlaf
Produktivität
Fitness
Fokus
Output
Stimmung
Optimierung wird zur Identität.
Und genau hier entsteht eine gefährliche Verwechslung:
Aktivität wird mit Stabilität und Kontrolle verwechselt.
Agitierte Depression passt in dieses System, weil sie nicht „ausknockt“, sondern oft weiter antreibt.
Nicht weil sie gesund ist, sondern weil sie wie ein innerer Alarmzustand wirkt:
Stillstand wird bedrohlich.
Pausen fühlen sich nicht erholsam an, sondern unangenehm.
Ruhe wird nicht gesucht, sondern gemieden.
Man (n) arbeitet mehr um nicht zu fühlen.
Man (n) optimiert mehr um nicht zu kippen.
Optimierungswahn hat System und er trifft das männliche Selbstbild
Der Optimierungsdruck ist nicht nur persönlich.
Er ist kulturell und organisatorisch eingebaut.
Wer in Verantwortung steht, lernt schnell:
Du wirst belohnt, wenn du durchhältst.
Du wirst respektiert, wenn du kontrollierst.
Du wirst gebraucht, wenn du verfügbar bist.
In vielen Organisationen ist das Normalität:
Leistung wird sichtbar.
Belastung wird privat.
Erschöpfung wird still.
Für Männer ist das besonders riskant, weil das Selbstbild oft an drei Säulen hängt:
Kompetenz
Kontrolle
Versorgung / Verantwortung für Sicherheit
Wenn diese Säulen wackeln, wird nicht selten das getan, was man am besten kann:
noch mehr leisten.
Noch härter werden.
Noch schneller gehen.
Noch mehr Jetzt optimieren.
So entsteht eine systemische Falle:
Je mehr jemand innerlich entgleist, desto stärker versucht er, äußerlich perfekt zu bleiben.
Die Warnsignale im Führungsalltag:
Was häufig falsch gedeutet wird
Agitierte Depression zeigt sich im Arbeitskontext oft nicht als „Krise“, sondern als Veränderung von Ton, Tempo und Toleranz.
Typische berufliche Signale
steigende Ungeduld, kürzere Zündschnur
Konflikte eskalieren schneller
stärkere Kontrolle, Perfektionismus, Mikromanagement
Konzentrationsprobleme, Grübeln, Entscheidungsstress
„hohe Aktivität“ ohne echte Wirksamkeit
Schlafprobleme, frühes Erwachen, innerer Druck
Typische private Signale
reizbar zuhause, wenig Geduld mit Partnerin oder Kindern
Rückzug in Arbeit, Sport, Handy, Projekte
weniger Freude, weniger Wärme
„nichts berührt mich“
emotionale Distanz – oder explosive Wut
zunehmende Spannung, die sich nicht erklärt
Im Alltag wird das oft rationalisiert:
„Das ist nur eine Phase.“
„Das gehört zu meinem Job.“
„Ich bin einfach gerade maximal ausgelastet.“

Rationalisierung ist verständlich sie ist aber auch der Grund, warum Betroffene oft zu spät reagieren.
Die gefährliche Kombination: Erschöpfung ohne Ruhefähigkeit
Viele Menschen sind erschöpft und können schlafen.
Viele Menschen sind gestresst und können sich erholen.
Bei agitiert-depressiven Zuständen ist genau das gestört:
Erschöpfung ist da aber Ruhe funktioniert nicht.
Das ist ein kritischer Unterschied.
Wenn jemand nicht mehr „in den Leerlauf“ kommt, entsteht ein Zustand, der sich selbst verstärkt:
Schlaf wird schlechter
Geduld sinkt
Reizbarkeit steigt
Beziehungen leiden
Scham nimmt zu
Leistung wird zur Flucht
Am Ende steht häufig ein Burnout-ähnliches Bild, eine depressive Krise oder ein Zusammenbruch – manchmal körperlich, manchmal emotional, manchmal sozial.
Warum diese Form besonders schambesetzt ist
Agitierte Depression fühlt sich für viele Männer nicht nach Hilflosigkeit an, sondern nach Kontrollverlust.
Und Kontrollverlust ist im männlichen Selbstbild oft ein Tabu.
Viele Betroffene schämen sich nicht nur für ihre Symptome, sondern für das, was sie symbolisieren:
„Ich werde schwächer.“
„Ich verliere die Kontrolle.“
„Ich bin nicht mehr der, der ich sein sollte.“
Das kann dazu führen, dass Männer Symptome weiter verdrängen und dass sie erst dann auffallen, wenn sie sichtbar werden: durch Konflikte, Aggression, Rückzug, Fehler oder gesundheitliche Probleme.
Der wichtigste Perspektivwechsel für Fach- und Führungskräfte
Dieser Beitrag will nicht dramatisieren.
Er will einen Satz in die Welt setzen, der in Führungskulturen fehlt:
High Performance ist kein Gesundheitszustand.
Leistung ist Output.
Gesundheit ist Regulation.
Und Regulation ist nicht optional.
Sie ist Voraussetzung für nachhaltige Leistung, klare Entscheidungen, stabile Beziehungen und Führungsfähigkeit.
Der relevante Prüfstein lautet deshalb nicht:
„Bin ich noch produktiv?“ Sondern: „Kann ich noch zur Ruhe kommen?“
Wenn die Antwort dauerhaft nein ist, ist das kein Charakterzug. Es ist ein Warnsignal.
Fazit: Agitierte Depression ist Depression wie im Business-Look

Agitierte Depression ist nicht weniger ernst, nur weil Leistung noch da ist. Sie ist oft gefährlicher, weil sie sich hinter Aktivität verstecken kann.
Sie kann aussehen wie:
Ehrgeiz
Disziplin
Verantwortung
High Drive
Und sie kann sich anfühlen wie:
innerer Alarm
Schlaflosigkeit
Gereiztheit
Leere
Kontrollverlust
Denn psychische Gesundheit scheitert in Hochleistungskulturen selten an fehlendem Willen. Sie scheitert an einer Kultur, die erst reagiert, wenn es knallt.
Der Optimierungswahn ist in vielen Systemen eingebaut. Genau deshalb ist es so wichtig, dass Fach- und Führungskräfte lernen, die Warnzeichen zu erkennen bei sich und bei anderen.
Nicht, um zu diagnostizieren.
Sondern, um Risiken nicht zu ignorieren.
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